„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Das Jahr 2026 fing aus Sicht von Menschen mit Behinderungen und ihren Familien ziemlich kalt an. Vier Oberbürgermeister aus der Region Stuttgart sprachen in einer Landespressekonferenz am 7. Januar 2026 angesichts der kommunalen Finanzkrise gar von überzogenen „Gold- und Platin-Standards“ bei der Kitabetreuung, bei Inklusion von Menschen mit Behinderungen oder mit Verweis auf Einzelzimmer in Pflegeheimen. Ein paar Tage später sprach der Stuttgarter Oberbürgermeister vom notwendigen „Abschied vom Schlaraffenland“ im Blick auf die stets steigenden Ausgaben bei der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen. Wir haben diese pauschale Kritik an der Eingliederungshilfe entschieden zurückgewiesen. Eingliederungshilfe ist ein Nachteilsausgleich und ermöglicht Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft. Ich könnte auch salopp formulieren: Wir verzichten auf die Eingliederungshilfe und ihr übernehmt unser Behinderung!
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Ganz bewusst beginnt mit diesem Satz unser Grundgesetz. Behinderung als Schimpfwort zu nutzen, um andere Menschen zu verunglimpfen oder um sich über sie lächerlich zu machen, ist nicht akzeptabel und wirklich allerunterste Schublade. Es ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen mit Behinderungen und deren Familien – und zwar unabhängig von der Art und Schwere der Behinderung. Mit Behinderung zu leben, ist nicht witzig. Mit Behinderung zu leben, heißt, täglich zusätzliche Herausforderungen zu bewältigen. Es kostet jede Menge Kraft mit Behinderung zu leben und damit klar zu kommen.
Bei der Auftaktveranstaltung der AfD Baden-Württemberg zur bevorstehenden Landtagswahl sagte Emil Sänze MdL, Co-Landeschef der AfD, am 15. Januar 2026 in Karlsruhe über den bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder: „Ich meine Söder ist ja nicht nur körperlich behindert, auch manchmal geistig […]. Aber wir lassen ihn leben, er ist ja immer mal wieder witzig.“
Eine Wortwahl wie sie Herr Sänze in seiner Rede nutzt, verletzt, macht sprachlos. Menschen mit Behinderungen und ihre Familien fühlen sich dadurch zurückgestoßen, fühlen sich ohnmächtig, hilflos ausgeliefert. Was kommt als nächstes? Es sind aber nicht nur die Worte, die verletzen. Es ist auch die Reaktion des Publikums, das applaudiert. Das ist ebenso würdelos und respektlos. Das macht uns traurig und wütend.
Als Selbsthilfeverband von Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung und deren Familien engagieren wir uns seit fast 60 Jahren dafür, dass Menschen mit Behinderungen ein selbstbestimmtes gutes Leben führen können und die Hilfe erhalten, die dazu erforderlich ist. Die Gründungseltern waren geprägt von den Zeiten, in denen die grauen Busse Menschen mit Behinderungen abgeholt und nach Grafeneck oder anderswo gefahren haben. Aus Angst um ihre Kinder mit Behinderung wurden vielfach noch in den 1960er Jahren die Kinder zuhause versteckt. „Nie wieder“ ist überall in unserem Verband zu hören.
Der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ ist daher Balsam auf unserer Seele und macht Mut. Wir wehren uns gegen jegliche Form von Diskriminierung im Alltag. Und wer jetzt sagt, wir sollen nicht so empfindlich sein, denn das sei doch gar nicht so gemeint gewesen, irrt. Herabsetzende Worte verletzen – und haben in einem demokratischen Ringen um die beste Lösung für unser Land nicht, aber auch gar nichts, verloren.