Corona – einfach erklärt

Corona – einfach erklärt

Gelebte Selbsthilfe: Corona leicht erklärt mit Metacom Symbolen von Annette Kitzinger

Die Welt steht Kopf. Innerhalb kürzester Zeit wurde der normale Alltag im Land runtergefahren. Die Landesregierung schreibt in einer Corona-Verordnung was zu tun ist. Und was nicht. Kita schließen, Schule schließen, Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) schließen, keine Familienentlastende Dienste (FED) mehr. Der gesundheitliche Schutz der gesamten Bevölkerung steht ganz oben. Gut so. Aber: wie kann man diese vielen neuen Regeln schnell auch Menschen mit komplexen Behinderungen erklären? Seit Wochen dreht sich auch bei uns im Landesverband (fast) alles um Corona. Fragen über Fragen – von Menschen mit Behinderungen, von Angehörigen. Sie beginnen fast immer mit dem Wörtchen „warum“? Warum darf ich im Wohnheim keinen Besuch mehr bekommen? Warum darf ich nicht mehr in die Werkstatt? Warum ist das Tragen von Mundschutzmasken so wichtig? Aber auch ganz viele Ängste sind dabei. Das reicht von „mir machen die Mundschutzmasken Angst“ bis „wie lange geht das noch?“ Und „wie schütze ich mich vor diesem schrecklichen Virus?“ oder auch „wie wasche ich die Hände richtig?“

Viele Bilder – wenig Worte: Hände waschen ist ganz einfach!

Als das Land „heruntergefahren“ wurde, fehlten Infos in Leichter Sprache aus „erster Hand“, direkt von der Landesregierung, von den Behörden. Manch einer fragte sich, ob Menschen mit Behinderungen Bürger „zweiter Klasse“ sind. Natürlich nicht! Aber eine solche Krise zu meistern, ist für alle ganz schön schwer.

Selbsthilfe war – und ist – angesagt. Die Grafikerin Annette Kitzinger, die viele Menschen mit komplexen Behinderungen durch ihre Symbole für die Unterstützte Kommunikation (UK) kennen, hat ganz schnell die Informationslücke gefüllt. Sie hat Symbole gezeichnet, die ganz leicht erklären, was Sache ist. Einfach so. Ehrenamtlich. Und die Materialen werden ständig erweitert. Für uns ist Annette Kitzinger eine echte „Alltagsheldin“, die uns alle Mut macht. Und dafür sagen wir ganz herzlich „danke“!

PS: Alle Materialien zu Corona und Infektionsschutz gibt es kostenlos zum Download unter https://www.metacom-symbole.de/ (in der Rubrik „Download – verschiedene Materialien“ ganz nach unten scrollen)

… alles Windel oder was? …

Das kann doch gar nicht so schwierig sein? Meinen Sie! Seit über 10 Jahren dauert der Streit um die richtige Versorgung mit Inkontinenzartikeln schon an. Dabei ist eigentlich alles geklärt. Eigentlich. Also im Gesetz. Nach § 33 SGB V haben Versicherte Anspruch auf „… Hilfsmitteln, die im Einzelfall erforderlich sind, um den Erfolg der Krankenbehandlung zu sichern, einer drohenden Behinderung vorzubeugen oder eine Behinderung auszugleichen, …“ Und die Versicherten müssen sich im Monat mit 10 Euro an den Kosten beteiligen. Also ist doch alles gut, werden Sie sagen. Ja, ist es. Doch im Alltag sieht es oft anders aus. Und das ist nicht in Ordnung.

Wir können gar nicht mehr zählen, wieviele betroffene Familien wir in den vergangenen Jahren zu diesem Thema beraten haben. Unser Bundesverband (bvkm) hat eine Argumentationshilfe entwickelt, die hilft, damit inkontinente Menschen ihr Recht auch im Alltag erhalten.

Wer eine Windel mit hoher Saugkraft, gute Hautverträglichkeit und gute Passform will, wird gerne von den Lieferanten darauf verwiesen, doch eine Zuzahlung aus der eigenen Tasche zu leisten für eine „Komfortversorgung“. Und viele Familien zahlen tatsächlich 80, 100 oder sogar über 150 Euro selbst dazu, weil sie im Alltag nicht Kraft haben, sich mit dem Lieferanten und der Krankenkasse über Anzahl und Qualität der benötigten Windelhosen zu streiten. So mussten Familien sogar „Trinkprotokolle“ führen. Klar, was „oben“ reinfließt, muss „unten“ wieder raus. Manchmal wurde auch unterstellt, dass man die Windelhosen für andere Zwecke nutzt, z.B. zum Aufwischen in der Küche. Anscheinend ist es für Viele unvorstellbar, dass manchmal in 24 Stunden die Windelhose nicht nur 3 – 4 Mal, sondern sogar 6 – 8 Mal gewechselt werden muss. Kann sich denn niemand vorstellen, dass es einfach nicht menschenwürdig ist, über längere Zeit mit einer (halb)vollen Windel unterwegs zu sein? Der Verweis der Hersteller auf die Saugkraft und das maximale Fassungsvermögen klingt in den Ohren der Betroffenen wie Hohn. Das ist vergleichbar mit einem „Starkregenereignis“ in der Kommune. In der Kommune stößt die Kanalisation auch an ihre Kapazitätsgrenzen, hebt die Gullideckel, flutet Keller … zu beobachten nach Unwetter und Hochwasser …

Eigentlich hatten wir gedacht, dass wir alle Argumente mindestens schon einmal gehört haben. Doch vor Ostern haben wir eine neue Variante erfahren, die uns sprachlos macht. Eine Familie nutzt für das behinderte Kind seit Jahren eine Windelhose, die sich im Alltag bewährt hat. Das einzige Manko: die hohe Zuzahlung. Jetzt hat sich die Familie endlich durchgerungen, die Krankenkasse um die volle Finanzierung – abzüglich des Eigenanteils von 10 Euro im Monat – zu übernehmen. Die Krankenkasse zögerte. Dass die Inkontinenzartikel vom Arzt veordnet sind, sei nur der Vollständigkeit erwähnt. Die Krankenkasse hat nun den Hersteller um seine Stellungnahme gebeten. Und der schreibt, dass das Produkt nicht für eine ganztägige Versorgung vorgesehen sei. Und schließlich sei der Hersteller gegenüber der Krankenkasse auch in der Verantwortung, dass den Versicherten durch die Inkontinenzversorgung keine Zusatzerkrankungen entstehen. Das klingt auf den ersten Blick vernünftig, eigentlich. Nur: warum beschreibt dann der Hersteller auf seiner Internetseite das Produkt mit den Worten: „… ist dermatologisch getestet, schützt vor Rücknässung und schont die empfindliche Haut. Aufgrund ihrer sehr hohen Saugkraft eignet sich … besonders für Fälle der schweren und schwersten Harn- und/oder Stuhlinkontinenz sowie für hochgradig pflegebedürftige Personen, wie auch für eine sichere Nachtversorgung. …. verleiht auch mobilen Personen größtmögliche Sicherheit.“

Ostern fällt auch in Zeiten der Corona-Pandemie nicht aus. Unser Wunsch zu Ostern: lieber Hersteller, liebe Krankenkasse … tragt das Licht und die Hoffnung, die mit Ostern verbunden ist, weiter an alle Familien mit behinderten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die auf 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag auf Inkontinenzartikel wie Windelhosen angewiesen sind. Die Familien brauchen Hilfe, Eure Hilfe! Und das ist eigentlich so einfach: liefert und finanziert die notwendigen Windelhosen in der ausreichender Stückzahl und Qualität. Das ist kein Luxus sondern Grundlage für einen Alltag in Würde! Mit vollen Windeln kann man nicht teilhaben … am Leben!